Ubersetzung

Henkels Malerei und ihre Impulse


"Die komplexen Einflüsse, die in dieses Werk eingegangen sind, entnommen der Kunstgeschichte und der Philosophie, der Dichtkunst und der Musik, sakralen Vorstellungen wie unmittelbaren Lebenserfahrungen, sind nicht mit dem Seziermesser herauszuholen und dingfest zu machen. Ihr Umsetzungsprozess ist ungleich komplizierter, weil die auslösenden Faktoren wie Erkenntnisse, Motive, Inhalte , Erfahrungen auf dem Umweg über die Psyche als energetischer Prozess in eine andere Sprache transponiert sind. Was wir nachvollziehen können, ist die Gestimmtheit der einzelnen Bilder, ihre Ausstrahlung, altmodisch Aura genannt."

(D Lucie Schauer, Beitrag "Die Aussenwelt der Innenwelt zur Ausset" zur Ausstellung im NBK, v.2. bis 261983, hrsg. vom Neuen Berliner Kunstverein, Berliner Künstler der Gegenwart, Heft 56, S. )

Für ihn gilt wie Pollock es formulierte,

 Painting is self-discovery. Every good artist paints what he is .

Henkels Malerei ist zeitübergreifend.
Impulse für seine Malerei, die er neu verarbeitete und deutete, erhielt er durch die Zeiten hindurch von der Moderne, dem Barock, der Renaissance und dem Mittelalter, wie im folgenden ausgeführt werden soll.

I Die Moderne

1.      Die Grenzen des Möglichen oder Unmöglichen

2.      Die Liebe zu Cézanne

a)      Die Bildeinheit

b)      Die geheimnisvolle Ordnung

c)      Der Pinselduktus

d)      Kontemplative Versenkung-der Blick des Neugeborenen

3.       Die Moderne Dichtung, lyrische Malerei, das Visionäre und der


Abgrund

 
II Das Barock

    Rubens, der Lobgesang, die Sinnesfreude an der Schöpfung

III Der Geist der Renaissance, die Italienische Malere

1.   Michelangelo, Ehrfurcht vor der Schöpfung, der Glanz der   Schwerelosigkeit, die Nachahmung göttlicher Vollkommenheit

2.   Die Venezianische Malerei, Tintoretto

IV Das Mittelalter

 
1.      Das gotische Hochformat

2.     Die mittelalterliche Farbskala

3.     Die Maltechnik

4.     Die Tiefenräumlichkeit

5.     Das Licht 

I Die Moderne

1  Die Grenzen des Möglichen und Unmöglichen-Willi Baumeister


 











Früh hat der Kunstlehrer von Manfred Henkel am Gymnasium in Göttingen sein immenses Maltalent entdeckt und ihn in seiner Berufung bestärkt. Er entschliesst sich, in Stuttgart sein Kunststudium aufzunehmen, in der Hoffnung bei dem Maler Willi Baumeister, seinem grossen Vorbild, Kurse zu belegen. Leider war Willi Baumeister dann verstorben.



 















Baumeister, ein Mann der Fläche, ein Mann der Vision auf der Fläche, ein Mann, der schon früh für mich die Frage stellte, nach den Grenzen des Möglichen oder Unmöglichen.

(Ausschnitt aus einem Rundfunkinterview SFB 1984 mit Dr. Biewald, S.23 in: Katalog zur Ausstellung Manfred Henkel Bilder Zeichnungen Skulpturen, vom 3. Mai -9. Juni 1985 Colloquiumverlag, Staatliche Kunsthalle Berlin)
Dabei war das Hauptthema Henkels , das Möglichmachen des Unmöglichen, wie z.B. der Glaube an die Überwindung der Schwerkraft, « dass der Stein nach oben  fällt »,  aber auch die Überwindung der Schwerkraft  im Denken und Fühlen der Menschen. Seine Bilder wollen das Denken und Fühlen befreien, das ist ihm mit Baumeister gemein.

« Selbst, wenn der Künstler bewusst arbeitet, lässt er sich überraschen von dem was entsteht. Die Kunst vermittelt den Begriff der Freiheit. Grenzen werden aufgebrochen und der Strom des Lebens quillt hervor in neu eröffnete Zonen. Das Unendliche wird begriffen, die Anteilnahme am Weltall sicherer gemacht. Immer wieder muss dieser Aufbruch erfolgen, weil auch immerfort die retardierenden Kräfte wirken» 
(Willi Baumeister, staatliche Museen Preussischer Kulturbesitz, Nationalgalerie, Katalog zur Ausstellung 7.04.-28.05.1989, Tagebucheintrag vom 24.6.1944, S. 54)

Das gleiche Ansinnen prägt Henkels Werk :

« Ich male meine Bilder mit der Vorstellung, den Betrachter aus den Verhärtungen des Denkens, der Schlagzeilen und den primitiven Räumen und Tatsachenbezügen herauszuleiten, nicht zuletzt mich selber. Die Bilder verlassen die Oberflächengags der Dingwelt, sie weisen in weiterführende geistige Räume. Um nur eine Quelle der geistigen Bewegung zu nennen : Die Sehgewohnheiten einer Konstruktion des Lastens und Stützens und der linear-perspektivischen Tiefe werden übergeführt in schwebendes Sehen, in ein dem Auge eher Nebeneinander- und Ineinanderfliessn von räumlichen Flecken und Systemen. Zurück zu meinen Bildern. Auch hier gibt es eine Basis aus überlieferten Bildvorstellungen, aber durch die gleichzeitige Verwendung zahlreicher Konstruktionsprinzipien in einem Bild entsteht für den Betrachter in unterschiedlicher Gestimmtheit und unterschiedlicher Beleuchtung ein Weg zur Ewigkeit in die Zeit. Die verhärteten Vorstellungen im Menschen werden aufgebrochen, seine abgestumpften, auf Sicherheit gewendeten Kategorien werden hier mit neuen Mitteln in neuere Bahnen auf die geistige Welt gelenkt » 

(Manfred Henkel , Etwas zu meinen Bildern,1977)


Wie er verlangt er vom Beschauer ein « aktives Sehen »

Der Beschauer, der Empfänger wird zu einem Aktivismus geführt, zu eigenen Empfindungs-Schritten, zum eigenen Denken. Das Kunstwerk hat Antriebskraft. Die Masse der eigenen Möglichkeiten des Kunstfreundes, Anlagen, Neigungen werden gelockert, gereizt, geöffnet. Das künstlerische Leben sollte das menschliche Leben sein.

(Willi Baumeister, staatliche Museen Preussischer Kulturbesitz, Nationalgalerie, Katalog zur Ausstellung 7.04.-28.05.1989, Tagebucheintrag vom 24.6.1944, S. 54)

 Schöpferischer Enthusiasmus und die ahnende Erkenntnis von den unauslotbaren Möglichkeiten der Welt mit den eigengesetzlichen Mitteln der Malkunst neu zu schaffen, sind die beiden starken Motoren, die dieses Werk in Gang setzen...Die Bilder sind Ausdruck spontanen Lebensgefühls und Stimmungsgehaltes, gefiltert durch das Kontrollorgan des Intellekts.

(Dr Lucie Schauer, Beitrag: Die Aussenwelt der Innenwelt der Aussenwelt, S.2, Katalog Manfred Henkel, Wolkensprache-Weisse Bilder, Arbeiten von 1975-1982,  hrsg. vom NBK, Berliner Künstler der Gegenwart, Heft 56)

2.   Cézanne , der Vater der modernen Malerei 

















Paul Cézanne, Au bord de l’eau, National Gallery of Art, Washington



















Montagne Sainte Victoire, 1904-1906, 81x65 cm, Philadephia Museum of Art (1977-288-1)




Mit Baumeister verbindet Henkel auch die Liebe zu  Cézanne

a) Die Bildeinheit

Dessen absolute Struktur und die Vielfalt der Metamorphosen formen. Er hat langsam die Bildeinheit geschaffen, die für die späteren Generationen der Ausgangspunkt wurde. Der gesamte Formenrhythmus wird jedoch auch freischwingend und entspringt einem Gefüge, das sich über die ganze Malfläche ausbreitet.

(Willi Baumeister, Staatliche Museen Preussischer Kulturbesitz, Nationalgalerie, Katalog zur Ausstellung 7.04.-28.05.1989, Tagebucheintrag vom 24.6.1944, S.80)

b) Die geheimnisvolle Ordnung

Dessen bildinneren Welten oder Mikrokosmen scheinen auf geheimnisvolle Weise geordnet


Was innerhalb der Bildbegrenzung eindrucksmässig vor sich geht, ist gleichsam eine flüssige Masse. Da alle Formen und Farben miteinander durch Abhängigkeit existieren, entsteht eine permanente Fluktuation. Das Auge wird von den stärksten Kontrasten angezogen und hat eine entsprechende Akkommodation nötig, um feinere Nuancen wahrzunehmen. Die simultane Wirkung hält den Blick in ständiger Bewegung. Es bildet sich eine Fluoreszens aus, die Einzelteile eines vielfarbigen Bildes bekommen verschiedenen Ausdruck …. 
(Willi Baumeister, staatliche Museen Preussischer Kulturbesitz, Nationalgalerie, Katalog zur Ausstellung 7.04.-28.05.1989, Tagebucheintrag vom 24.6.1944, S.80)

c) Der Pinselduktus

Wie Willem de Kooning , dessen Werke ihm wichtig waren, glaubte er an die Perspektive des Pinselduktus.














Willem de Kooning, Untitled XXV, 1977, 1,95x2,23m

 Cezanne hat gesagt, dass jeder Pinselstrich seine eigene Perspektive hat. Er verstand das nicht im Sinne der Perspektive der Renaissance, sondern dass jeder Pinselstrich seinen Blickwinkel hat.
(Willi Baumeister, staatliche Museen Preussischer Kulturbesitz, Nationalgalerie, Katalog zur Ausstellung 7.04.-28.05.1989, Tagebucheintrag vom 24.6.1944, Interview mit Harold Rosenberg)
d) Kontemplative Versenkung-der Blick des Neugeborenen

Der Künstler muss wie eine phototechnische Platte sein, auf die sich die Landschaft abzeichnet.. ;das ganze Wollen des Malers muss schweigen. Er soll in sich verstummen lassen alle Stimmen der Voreingenommenheit .Vergessen !Vergessen !Vergessen ! Stille schaffen, ein vollkommenes Echo sein. Die Landschaft spiegelt sich, vermenschlicht sich, denkt sich in mir. Ich steige mit ihr zu den Wurzeln der Welt. Wir keimen. Eine zärtliche Erregung ergreift mich und aus den Wurzeln dieser Erregung steigt dann der Saft die Farbe. Ich bin der wirklichen Welt geboren. Ich sehe .

(Cézanne) 

Gleiches dachte auch  Matisse
 
Alles was wir im täglichen Leben sehen, wird mehr oder weniger durch unsere Gewohnheiten entstellt. Die zur Befreiung von der Bildfabrikaten notwendige Anstrengung verlangt einen gewissen Mut, und dieser Mut ist für den Künstler unentbehrlich, der alles so sehen muss, als ob er es zum ersten Mal sähe. 

(Aufzeichnungen in : le Courier, Paris 1953, Matisse, Farbe und Gleichnis. Gesammelte Schriften, Zürich 1955, über Kunst, Zürich 1982)

3. Die moderne Dichtung , « lyrische Malerei » das Visionäre und der Abgrund


Schon in seinem Reisegepäck bei seinen Meerüberquerungen als Heizer führte Henkel immer Gedichtbände von Eluard, Rimbaud , Verlaine, und Baudelaire bei sich. Bis zu seinem Tod stellten sie seine geistige Nahrung dar. Rimbaud  steht dabei für die visionäre Durchdringung der Welt, den Willen das Geheimnisvolle hinter den Dingen zu entdecken und diese Erfahrung künstlerisch umzusetzen. 

Ich sage man muss Seher sein, muss sich sehend machen. Sehend macht sich der Dichter durch eine lange, unermessliche und planmässige Ausschweifung aller Sinne, aller Formen der Liebe, der Qual, des Wahnsinns; er sucht eigens, er erschöpft an sich alle Gifte, um nur ihre Quintessenz zu bewahren. Unsägliche Tortur, für die er allen Glauben braucht, alle übermenschliche Kraft, bei der er unter allen der grosse Kranke wird, der grosse Verbrecher, der grosse Verdammte, - und der höchst Wissende! - denn er kommt an im Unbekannten! Denn er hat seine Seele, die ohnehin reiche, mehr ausgebildet als jeder andere! Er kommt an im Unbekannten, und sollte ihm in seiner Bestürzung am Ende der Sinn seiner Visionen entgleiten, er hat sie gesehen! Mag er, wenn es ihn hochreisst, an all dem Unerhörten, Unnennbaren krepieren.
(vgl. Extrait de lettre du Voyant, lettre de Rimbaud à Paul Demeny Je dis qu’il faut être voyant…An Paul Demeny
Charleville, 15.
Mai 1871)
« Geheimnisvolle Gegenwart dessen, was man gerade nicht mehr sehen kann. Es ist nicht greifbar, aber es ist da.»

(Henkel  Manuskript, unveröffentlichter Nachlass)

Mit Baudelaire und auch Kafka teilt er  die Erfahrung des Daseins als Abgrund (von Pascal übernommen), die er allerdings mit  seiner Malerei zu leuchtenden Abgründen werden liess.


Prozess »K wird gezwungen so lange in den Abgrund hineinzublicken bis der Abgrund auch in ihn hineinblickt.


(Butterbrotpapier, Manuskript, in persönlichem Nachlass)

II Das Barock


Der erste Eindruck, den Henkels Bilder dem Auge vermitteln, ist auch der einer ständig wirbelden Bewegung. Die Farbwirbel bilden sich am Rande des Bildes und streben, dem Sog einer schraubenden und drehenden Gesamtbewegung wie einem Luftstrom folgend zum Zentrum, Spiritus flat , ubi vult . Es ist ein Geisterwind, der hier weht und Auftrieb zur Mitte gewinnt. Henkel ist ein Barockmaler. Er selbst macht daraus  kein Hehl. Damit hängt auch seine Hingezogenheit zur monumentalen Wandgestaltung zusammen. ! Das Tafelbild , dessen Dimensionen der Reichweite der Körpermasse entsprechen, ist deshalb für Henkel das Medium, mit  dem er seine barocke Wesensart und Geisteshaltung am reinsten verkörpern kann.


(Roters, Manfred Henkels weisse Bilder, in :Katalog zur Ausstellung im NBK, vom 23.2. bis 26.3.1983, hrsg. vom Neuen Berliner Kunstverein, Berliner Künstler der Gegenwart, Heft 56, S. 3)
 
 

Rubens- der Lobgesang , die Sinnesfreude an der Schöpfung

Wie sein spirituelles Vorbild Rubens war Henkel ein Weltgelehrter, seine Neugierde beschränkte sich nicht allein auf die Kunst, sondern Literatur, Mathematik, Philosophie, Kosmologie die Naturwissenschaften wurden von ihm durchforscht und untersucht und die Erkenntnisse auf der  Bildfläche umgewandelt in die « Sprache der Seele ». Dabei waren Henkels Interessen natürlich Epochen- und Disziplinübergreifend, mit allerdings einer  Vorliebe für das Barock, so haben ihm die Monadentheorie von Leibniz, die Philosophie Pascals , die Theaterstücke des spanischen Barock , wie zum Beispiel Calderons de la barca, "das grosse Welttheater" und "das Leben ist ein Traum", die barocken Poeten Hoffmann von Hoffmannswaldau, Andreas Gryphius, die Musik von Johann Sebastian Bach und Händel wichtige  geistige Impulse gegeben.

Die Farbraumschluchten Rubens waren Leitbilder für das überraschend nahe Nebeneinander von materieller und geistiger Welt und Welterfahrung, Hinweise auf Schöpfung und Schöpfungsvorgang.
    Peter Paul Rubens, Madonna im Blumenkranz, 1,85 x 2,10 m, Alte Pinakothek München

    Peter Paul Rubens, Der trunkene Silen, 2,12 m x2,13 m, Alte Pinakothek München


      Peter Paul Rubens, Raub der Töchter des Leukippos, 2,22 x 2,09m, Alte Pinakotheik München


Sinnlichkeit , Sinnesfreude und Lobgesang auf die Transsubstantiation, die Fleischwerdung Gottes, Grundanliegen der Gegenreformation  , die Preisung der Schöpfung.

« In einem bestimmten Augenblick seines Lebens hatte er entdeckt, dass die ihm begegnende Wirklichkeit mehrschichtig ist, dass alles Erscheinende ein Geheimnis birgt. Henkel wörtlich : »Wo Brot nur Brot ist und Wein nur Wein, wo es keine Wandlung gibt, da kommt die Verzweiflung. « So begründete er auch seine Abkehr vom sogenannten Realismus in der Kunst, was aber nicht heisst, dass er selbst im Gegensatz dazu gemacht hätte. Für Henkel war Kunst immer leiblich. Die Wichtigkeit , die er der materiellen Seite der Dinge beimass,ihrer Erscheinung als Ausdruck des Wesens, ihrer erdhaften Schwere, macht seine Kunst in meinen Augen « katholisch ».
(Dr.Richard Schmidt, Trigon I, Kunst, Wissenschaft und Glaube im Dialog, herausgegeben von der Guardinistiftung, Matthias-Gtünewald-Verlag, Mainz, IV. In memoriam Manfred Henkel, Unter vitalem Himmel die Erde aushalten und lieben, S.125)

Das Licht und der Glanz, die die Werke aussenden, preisen die « 90 Milliarden » Schönheiten der Schöpfung .

Gerade die vermittelnde Sinnlichkeit ist indes die Wirkungssubstanz von Henkels Bildern. Diese Sinnlichkeit, eine translucide Sinnlichkeit, ist eben auch die Vermittlerin der Bewegungen aus den Bereichen des Geistes in unsere diesseitige Existenz. Ihr Träger, das Medium, das sie transportiert, ist das Licht.

(Roters,Manfred Henkels weisse Bilder, Katalog,1985 zur Ausstellung in der Staatliche Kunsthalle,, hrsg von der Staatlichen Kunsthalle, Colloquiumverlag,  S. 18)


























Würzburg Residenz Hofkirche


Geistleib

Stillhalten, wachen, dann genaue Raumerfassung,

Anspielung der weiterrrasenden Schöpfung, Erfolg, ausschliesslich beim 
Machen,

Finden, nicht suchen,

Weiterforschen immer im Hinblick auf das Hochformat,

Auf den Kouros, den stehenden Anthropos

In unendlich erscheinenden Übermalungen

Zähes beinahe sklavisches Festhalten am barocken Raumkonzept

Raum in der Verwerfung und Faltung, Raum der ganzen Schöpfung,

Nicht des Ausschnitts, der Details

Nicht Raum des Gegenstands und seiner Häute.

Haut ? Ganz und gar nicht, Leib ? schon eher,

Aber Geistleib.


(Henkel 1984, persönlicher Nachlasss)
 
Die Kunst Henkels ist im barocken Sinne sinnlich, zutiefst lebens- und schöpfungsbejahend, es gibt keinen Pessimismus, keine Resignation. Sein Motto war

Der produktive Mensch muss an seine Arbeit glauben und glaubt darüber seine Arbeit hinaus-Skepsis und Nihilismus erzeugt eher der Umgang mit fertigen Gedanken und Produkten : Arbeit ist Erkenntnisinstrument.

(Manuskript, Kalender 1988, unveröffentlicht, persönlicher Nachlass)

Dies bedeutet  keineswegs das Ignorieren des Leidensweges, den jeder Mensch in diesem Leben durchläuft : vielmehr war sein Ansinnen, dem Elend in dieser Welt nicht durch die Kunst noch mehr Elend hinzuzufügen. Er verinnerlichte die Kreuzigung Christi als Weg der Menschheit zur Erlösung und Auferstehung, daher auch der Wille mit seiner Kunst, Freude zu vermitteln, was sein wichtigstes Anliegen bleibt.
Auch sah er selbst in seiner  metaphysisch ausgerichteten Kreativität die Möglichkeit , die Überwindung der Vergänglichkeit , die allen Dingen innewohnt, zu veranschaulichen.

Dem humanistischen Ideal der Renaissance verpflichtet kamen aber auch entscheidende  Impulse aus Italien, das Henkel mehrfach bereist hatte.

III Italienische Malerei, der Geist  der Renaissance

1.Michelangelos Ehrfurcht vor der Schöpfung , der Glanz der Schwerelosigkeit, die Nachahmung göttlicher Vollkommenheit


Michelangelo, Bekehng des heiligen Paulus, 1542-1545, Fresco,                                          Palazzo Apostolico,Rom,6,61x6,25 m


















Michelangelo, Jüngstes Gericht, 1534-1541,Rom Città del Vaticano, Sixtinische Kapelle

Die Kunst eines bedeutenden Mannes erkennt man an der Furcht, mit der er an sein Werk herangeht.
(Michelangelo, Briefe, Gedichte und Gespräche », Fischerbücherei, ausgewählt, eingeleitet und übersetzt von Heinrich Koch, Fischer Bücherei, Frankfurt am Main 1957 S.197)

Im Sinne einer Art von Ehrfurcht, lassen Sie mich ruhig dieses altmodische Wort, einsetzen, Ehrfurcht also vor Mensch, Natur und Gott, ist Henkels Schaffen zu sehen. 

( Dr. Lucie Schauer, Erläuterungen zum Werk, Ansprache 1985, Kunsthalle Berlin, abgedruckt  S.32, Katalog, Manfred Henkel, Bilder und Zeichnungen zu den Ausstellungen in Pforzheim, Göttingen)

Der qualhafte und leidvolle Prozess, der das Malen Henkels bedeutet, sollte auf der Leinwand keine Spuren hinterlassen, sondern nur der Glanz der Schwerelosigkeit ,  das Ergebnis des Ringens mit sich selbst , der Kampf Jakobs mit dem Engel wie Michelangelo es formulierte

Der Maler soll im Schweisse seines Angesichts danach streben, sein Werk mit Eifer und Mühe derart zu gestalten, als sei es schnell und leicht und ohne Mühe entworfen, obwohl das Gegenteil der Fall ist. Die meisten Kunstwerke entstehen nur durch unendliche Anstrengung und tragen doch den Glanz der Schwerelosigkeit.

Michelangelo, Briefe, Gedichte und Gespräche , Fischerbücherei, ausgewählt, eingeleitet und übersetzt von Heinrich Koch, Fischer Bücherei, Frankfurt am Main 19,  S. 197)

Die gute Malerei ist nichts anderes als die Nachahmung göttlicher Vollkommenheit und die Erinnerung an göttliche Malerei. Sie ist schliesslich Musik und Melodie , die nur der grosse Geist und auch der nur mit Mühe hören kann, kaum einer kann sie bilden…..

Nach Michelangelo ist der Maler fähig zu erfinden, was noch nicht entdeckt worden ist.

( ebenda S. 180)


2.Die venezianische Malerei



















Tizian, Glorie, Dreieinigkeit, 1551-54, 3,46 x 2,40, Madrid, Pradomuseum


Henkel führten mehrere Reisen nach Venedig, besonders inspirierten  ihn die Werke  Tizians, Veroneses , Tiepolos, Tintorettos. (das Primat der Farbe gegenüber der Form)
 










Veronese, Bozzetto per il Paradiso, Palais des Beaux Arts, Lille


Vasari hat Tintoretto als das aussergewöhnlichste Genie der Malerei bezeichnet, doch in der späteren Rezeptionsgeschichte wurde Tintoretto jeder Tiefgang abgesprochen. 
(siehe Eva Clausen, « Das Licht der Verzweiflung », 11.04.2012, Neue Zürischer Zeitung ») 
Nachdem Sartre, Tintoretto rehabilitierte , ihm den Status des geistigen Intellektuellen verlieh, ist in den letzten Jahrzehnten, Tintoretto, wie die zahlreichen Ausstellungen belegen, wieder ins Zentrum des Interesses gerückt. (Sartre, Artikel, Saint Marc et son double, le sequestré de Vénise). Seine innovative Kraft ist nunmehr unumstritten.
Er hat auch an ihm hervorgehoben, dass Tintoretto keinen Unterschiede zwischen ökonomischer Unabhängigkeit des Produzierens und künstlerischer Freiheit machte.

« Ich bin kein Prinz, sondern jemand , der von seiner Hände Arbeit lebt .»

Die geistige, ökonomische Unabhängigkeit von Künstlerklüngel erschwerten Henkel wie Tinteretto den Existenzkampf aber erlaubten ihm auch in der Malerei neue Wege zu gehen.

Mehrere Parallelen gibt es zwischen Henkel und Tintoretto

- die Leinwand als Bühne, als einem Schauplatz, auf dem sich vor allem das Unwahrscheinliche ereignen konnte,wie just das Markuswunder, das er auf einer 4,5 x 5,45 grossen Leinwand inszenierte.(damit Vorläufer des Barock)

















Tintoretto,das Wunder des heiligen Markus, 1548,Öl auf Leinwand,Gallerie dell'Accdemia Venedig

-die prachvolle Körperlichkeit verbunden mit gewagten Perspektiven und das Motto seiner  Werkstatt « die Formen von Michelangelo und die Farben von Tizian »
- die dramatisierte Lichtführung, das Licht die Hauptrolle,  das Licht fällt nicht wie ein scharfer Strahl ein, wie das einige Jahrzehnte später in den Werken des Meisters der HellDunkelmalerei ‘Carvaggio der Fall sein sollte, sondern zuckt durch die Leinwand, flimmert leuchtet wie wundersam aus unbekannter Quelle auf. 

-sein tiefes emotionales Verständnis des Ganzen

 
Tintoretto, Kreuzigung 1565, Scuola Grande di San Rocco,Venedig,5,36x12,24m) 
 

- der Schaffensdrang, beider œuvre umfasst unzählbare Werke,

« ein Licht, das aus dem dunklen Hintergrund hervortritt, um wieder von ihm verschluckt zu werden »

-eine bisher nicht gekannte Raumtiefe und Sensibilität, die sich jederzeit in einen Sturm verwandeln konnte



Tintoretto,Krönung Mariens,Modello für das Wandbild Sala del maggior Consiglio,1579,Musée du Louvre Paris


 
IV Das Mittelalter


Nicht nur die Mystik seiner wichtigsten Lehrmeisterin Hildegard von Bingen verbindet Henkel mit dem Mittelalter, sondern auch die ihn prägende Erfahrung und das Erlebnis des geheimnisvollen , diaphanen  Lichtes der herrlichen Kirchenfenster der Kathedralen Frankreichs , das die ihm eigene Philosophie und Theologie zum Ausdruck bringt, dass Gott sich im Licht offenbart. Ebenso die anagogische Herangehensweise des mittelalterlichen Menschen de visibila ad invisibila, von dem Sichtbaren zum Unsichtbaren den Geist zu lenken sind ihm eigen.

Der Sainte-Chapelle und der Kathedrale von Chartres kamen dabei ein besonderer Stellenwert zu.

Chartres Nordrose, 13.Jahrhundert
Sainte-Chapelle
 










Farbleib-Chartres West 1977-1983
                                                                                                                                                                       
Chartres , wo die bedeutendsten Lehrmeister des 12.Jahrhunderts lehrten, war nicht nur der Ort des  Umbruchs von der Romanik zur Gotik, sondern auch der Eckstein vom Übergang von der mehr neuplatonisch bestimmten Frühscholastik zur aristotelisch geklärten Hochscholastik .
Thomas von Aquin, der Freund und Berater des Heiligen Ludwig, der die Sainte Chapelle als Reliquienschrein für die Dornenkrone Christi erbauen liess war, mit seiner Summe ein Angelpunkt des Denkens und Schaffens Henkels.

1.  Das gotische Hochformat 
Die Wahl des Bildformats legt vorab Thema, Reichweite, Nähe und Distanz fest. Grundsätzlich beziehen sich die Dimensionen der Leinwände auf menschliches Mass im Umkreis von 200 x 160cm, Höhe vor Breite. Das « gotische Hochformat » ist mit der entschiedenen Richtungsweisung Untersuchungs- und Experimentierfeld. 

(Zitat : »deshalb gehe ich nicht weiter als bis 160 cm in der Wahl der Breitenausdehnung, weil ich dann zu sehr in den Bereich des goldenen Schnitts komme, der für meine Absichten horizontal/vertikal zu unentschieden und ausgeglichen ist ».)

Sieht sich der Mensch , wenn er in guter Verfassung ist, ohne Raum-und Zeitbegrenzung, mache ich ihm den himmlich-irdischen Spiegel. Daher sind die Bilder so gross wie ein Mensch, ein Spiegel, eine Tür ;Durchgang zu der Hoffnung, Eingang zu sich und den anderen, Spiegel der Wege zu sich selbst im exakten Innen-Aussenraum der Schöpfung.

Henkel, Text : Raum in der Fläche : Licht als Bildgegenstand (1986)

2. Die mittelalterliche Farbskala  

"Der mittelalterlichen Farbskala mit den Grundtönen Blau/Rot/Gelb verpflichtet , wird strategisch aus diesem Klang durch an und Abtragen beim Malen die gesamte Farbigkeit dialogisch entfaltet, der Farbraum erzeugt. Das gläserne Tiefenlicht der Farbe wird ganz altmeisterlich durch Übereinanderlagern von Komplementärtönen gewonnen, Blau und Rot gewinnen an transparenter Leuchtkraft !"

(A. Henkel)

3. Die Maltechnik 

Ich möchte zur Maltechnik sagen, ich male nicht weiss auf weiss, sondern ich male auf dem weissen Grund mit sehr vielen Farben, die ich dann wieder weiss übermale,d .h. die Farbe scheint transparent duch das Weiss hindurch und ich male ganz altmeisterlich : unten mit Wasserfarben, darüber mit Ölfarben. Trotzdem ist der Eindruck des Bildes zum Schluss, dass es äussert hell ist, fast weiss. 

(Interview  mit D. Biewald, SFB 1984 in: Katalog,1985 zur Ausstellung in der Staatliche Kunsthalle,, hsg von der Staatlichen Kunsthalle, Colloquiumverlag, S.26)

Die Bilder sind nicht in einem Arbeitsvorgang entstanden, sonden in oft langen Zeiträumen, in 30- bis 40 Schichten , das gläserne Tiefenlicht der Hochfarben und die atmende Bewegung auf den Leinwänden werden durch diese vielschichtigen Übermalungen gewonnen.
4. Die Tiefenräumlichkeit 

« Die Bedeutsamkeit der Flächen »


 

















Einband des Gandersheimer Evangeliars,Christi Himmelfahrt Elfenbein,2.Hälfte des 9.Jh., Kunstsammlungen der Veste Coburg

Sehen wir uns doch einmal einen frühmittelalterlichen Buchdeckel an, vor einem Kodex.Dort sind Edelsteine gelegt zu einer merkwürdigen Anordnung, eingebunden in Filigran. Und wenn man sich lange mit dem Anblick eines solchen Buchdeckels beschäftigt, wird man feststellen, dass man eine enorm tiefenräumliche Erfahrung macht, und nicht nur, weil das Licht irisiert in den verschiedenfarbigen Steinen, sondern weil die Zuordnung dieser Steine in ihrer Form auf der Fläche , eben als Flecken und Tupfer tiefenräumlihe Erlebnisse suggeriert. Die Tiefe erscheint also daduch, dass man immer Neues hinter den Dingen entdeckt,und sie regen nun an, dieses Hinter den Dingen nicht nur optisch zu entdecken, sondern visionär, d.h. auch tiefenräumlich ins eigene Innere zu steigen und tiefenräumlich den gegenüberliegenden Menschen anzugucken und tiefenräumlich alles, was auf der Welt vorhanden ist-von der gemachten technisch gemachten bis zur gewachsenen kreatürlichen Welt alles in diesem tiefenräumlichen, nennen wir es mal übersteigerten aktiven Sehen sehen zu können. »

(Interview mit Dr. Biewald SFB 1984 in: Katalog,1985 zur Ausstellung in der Staatliche Kunsthalle,, hsg von der Staatlichen Kunsthalle, Colloquiumverlag, S.26 )
  
5.  Das Licht 

In der uns bekannen Kunstgeschichte der Malerei des Abendlandes lässt sich feststellen, dass ein immer neuer Aufschwung versucht worden ist, das Licht aus der dienenden, Formen beschreibenden Funktion zu befreien, um es zum ersten und wesentlichen Bildgegenstand zu machen.

Das Verweltlichen, Vergegenständlichen einerseits, und der immer neue Aufschwung zur Klärung, Abstraktion und tiefer Geistlichkeit innerhalb der christlichen Religion ist dem vergleichbar …

Der Bildraum in der Fläche, aus diesem Paradoxon lebt die Malerei, so gesehen der Mathematik verwandt, muss sie immer wieder als Lichtbringer neu geordnet werden.

Ich kann nicht vermeiden, an dieser Stelle Hildegard von Bingen zu zitieren, die als Künstlerin, Naturwissenschaftlerin, Theologin und heilige Seherin in dieser Lichtthematik für mich Autoritât und Glück in einem ist.

« Der Vater ist reines Licht (claritas), dieses Licht hat Glanz(splendorum), und doch sind das Licht und der Lichtglanz und das Feuer eins. Das Feuer Gottes durchdringt die beiden Namen (Glanz und Licht), die zu Gottes Sein gehören, weil es nicht möglich wäre, dass Licht des Glanzes entbehren könnte. Und fehlte dieses Feuer, so würde das Licht nicht leuchten und der Glanz nicht glänzen »

Licht als ein treffendes Symbol des schöpferischen Gottesgeistes ist… unter allem Materiellen, das am wenigsten Materielle….fleckenlos und rein, dringt überall hin mit fast unglaublicher Schnelligkeit, um belebend und verklârend zu wirken.

(Henkel, Frauentragen, Eröffnungsrede zur Ausstellung in der Sankt Johannesbasilika, 7./8. Dezember 1985, persönlicher Nachlass)


Die lichte Gestalt Hildegard von Bingen verstand sich als Sprachrohr Gottes, Henkel als

Transmitter .

Henkel bedachte das Bild, um dessen vermittelnde Funktion eines prismatischen Focus innerhalb des fliessenden Vorgangs zwischen Geist und Sinnen zu beschreiben, gern mit dem salopp gewählten aber zutreffenden Ausdruck « Transmitter ».
Wenn überhaupt von den Bildern als Träger von Transzendenz gesprochen werden kann, so trifft das auf das Werk Henkels im besonderen Masse zu. Sein gesamtes malerisches Werk ist darauf angelegt, dem Wirken des Spirituellen auf die Spur zu kommen. 

(Eberhard Roters)

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